Das maritime Arbeitsrecht in Polen

Ana Sayfa /Makaleler /Das maritime Arbeitsrecht in Polen
01.09.2026 Hukuk

Das maritime Arbeitsrecht in Polen

Das maritime Arbeitsrecht in Polen: Rechte der Seeleute und Pflichten der Reeder

Die maritime Wirtschaft nimmt für Polen aufgrund seiner Lage an der Ostsee eine wichtige wirtschaftliche und strategische Stellung ein. Neben dem Seeverkehr und dem Schiffbau ist insbesondere die Beschäftigung von Seeleuten ein Bereich, der durch besondere arbeitsrechtliche Vorschriften geregelt wird.

Das polnische maritime Arbeitsrecht unterscheidet sich in mehreren Punkten vom allgemeinen Arbeitsrecht. Die besonderen Arbeits- und Lebensbedingungen an Bord, lange Aufenthalte auf See, internationale Fahrten und die besonderen Sicherheitsanforderungen erfordern einen eigenen rechtlichen Rahmen.

Eine zentrale Rechtsgrundlage ist das polnische Gesetz vom 5. August 2015 über die Arbeit auf See (Ustawa o pracy na morzu). Es regelt unter anderem die Rechte und Pflichten der Arbeitsvertragsparteien auf polnischen Seeschiffen, die Arbeitsvermittlung für Seeleute, Arbeits- und Lebensbedingungen an Bord sowie den Gesundheits- und Sozialschutz.

1. Gesetzliche Grundlagen des maritimen Arbeitsrechts

Das polnische maritime Arbeitsrecht basiert insbesondere auf drei Ebenen:

  • polnischen arbeits- und seerechtlichen Vorschriften,
  • dem Maritime Labour Convention 2006 (MLC 2006) der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO),
  • dem Recht der Europäischen Union.

Das Gesetz über die Arbeit auf See verweist ausdrücklich auf die MLC 2006 und regelt die Beschäftigung auf Seeschiffen, die grundsätzlich für kommerzielle Tätigkeiten eingesetzt werden. Kriegsschiffe sowie Schiffe der polnischen Grenzwache und Polizei fallen nicht in den allgemeinen Anwendungsbereich dieses Gesetzes.

Für Bereiche, die durch das spezielle Seearbeitsrecht nicht geregelt werden, können ergänzend die Vorschriften des polnischen Arbeitsgesetzbuchs (Kodeks pracy) Anwendung finden.

2. Maritime Labour Convention 2006

Die Maritime Labour Convention 2006 bildet einen wesentlichen internationalen Rahmen für die Rechte von Seeleuten.

Sie legt Mindeststandards unter anderem für:

  • Beschäftigungsverträge,
  • Arbeits- und Ruhezeiten,
  • Unterkunft,
  • Verpflegung,
  • medizinische Versorgung,
  • soziale Absicherung,
  • Rückführung von Seeleuten,
  • Beschwerdeverfahren

fest.

Polen hat die MLC 2006 in sein nationales Recht umgesetzt. Das polnische Infrastrukturministerium führt neben dem Gesetz über die Arbeit auf See auch die MLC 2006 und ihre Änderungen als zentrale Rechtsgrundlagen des maritimen Arbeitsrechts auf.

Im Jahr 2025 verabschiedete Polen außerdem ein Gesetz zur Ratifizierung der Änderungen der MLC 2006, die auf der Internationalen Arbeitskonferenz vom 6. Juni 2022 angenommen worden waren. Das entsprechende Gesetz trat am 7. Mai 2025 in Kraft.

3. Voraussetzungen für die Beschäftigung als Seemann

Das polnische Recht stellt bestimmte Mindestanforderungen an Personen, die auf einem Seeschiff arbeiten möchten.

Nach dem Gesetz über die Arbeit auf See muss ein Seemann grundsätzlich mindestens 18 Jahre alt sein. Außerdem sind unter anderem Nachweise über die berufliche Qualifikation, ein gültiges ärztliches Gesundheitszeugnis und ein gültiges Seefahrtsbuch erforderlich.

Damit wird sichergestellt, dass Personen, die sicherheitsrelevante Aufgaben an Bord übernehmen, über die notwendige fachliche und gesundheitliche Eignung verfügen.

Für bestimmte Funktionen können darüber hinaus besondere Qualifikationen und Zertifikate nach den internationalen STCW-Regeln erforderlich sein.

4. Der Arbeitsvertrag des Seemanns

Das Arbeitsverhältnis zwischen Reeder und Seemann wird durch einen besonderen Seearbeitsvertrag (marynarska umowa o pracę) geregelt.

Der Vertrag muss die wesentlichen Bedingungen der Beschäftigung festlegen. Dazu gehören insbesondere die Funktion des Seemanns, die Vergütung, die Dauer des Arbeitsverhältnisses und die Bedingungen der Tätigkeit an Bord.

Bei international eingesetzten Schiffen ist außerdem wichtig, welches Recht auf das Arbeitsverhältnis Anwendung findet. Neben dem polnischen Recht können die Flaggenstaatregelungen und gegebenenfalls internationale oder europäische Vorschriften relevant sein.

5. Arbeitszeit und Ruhezeiten

Die Regelung der Arbeitszeit besitzt im maritimen Arbeitsrecht besondere Bedeutung, da die Sicherheit des Schiffes unmittelbar von der ausreichenden Erholung der Besatzung abhängen kann.

Nach dem polnischen Gesetz darf die reguläre Arbeitszeit grundsätzlich 8 Stunden pro Tag und durchschnittlich 40 Stunden in einer durchschnittlichen Fünf-Tage-Woche betragen. Für Schiffe auf See gelten zusätzliche besondere Grenzen. Die maximale Arbeitszeit darf grundsätzlich 14 Stunden innerhalb von 24 Stunden und 72 Stunden innerhalb von sieben Tagen nicht überschreiten.

Das Gesetz enthält außerdem besondere Regelungen über Bereitschafts-, Ausbildungs- und Sicherheitsübungen. Auch Tätigkeiten wie Sammeln der Besatzung oder Übungen zur Evakuierung und Brandbekämpfung können als Arbeitszeit berücksichtigt werden.

6. Ruhezeiten und Schutz vor Übermüdung

Ausreichende Ruhezeiten sind nicht nur ein arbeitsrechtliches, sondern auch ein sicherheitsrechtliches Erfordernis.

Übermüdung kann die Reaktionsfähigkeit der Besatzung beeinträchtigen und dadurch das Risiko von Unfällen erhöhen. Deshalb enthalten die polnischen Vorschriften detaillierte Bestimmungen über die Organisation der Arbeits- und Ruhezeiten.

Reeder und Kapitäne müssen die Arbeitsorganisation so gestalten, dass die gesetzlichen Höchstgrenzen eingehalten werden und die Besatzungsmitglieder ihre vorgeschriebenen Ruhezeiten erhalten.

7. Vergütung und sonstige Ansprüche

Die Vergütung ist ein wesentlicher Bestandteil des Seearbeitsvertrags.

Bei internationalen Arbeitsverhältnissen sollten neben dem Grundgehalt auch Zulagen, Überstunden, Reisekosten, Verpflegung und sonstige vertragliche Leistungen eindeutig geregelt werden.

Besondere Bedeutung können außerdem tarifvertragliche Regelungen oder kollektiv ausgehandelte Bedingungen besitzen.

Bei Streitigkeiten über die Vergütung ist zunächst zu prüfen, welche Vertragsbedingungen gelten und welches nationale oder internationale Recht auf das Arbeitsverhältnis Anwendung findet.

8. Unterkunft, Verpflegung und Lebensbedingungen an Bord

Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem normalen Arbeitsrecht und dem Seearbeitsrecht besteht darin, dass der Arbeitsplatz gleichzeitig der Lebensraum des Arbeitnehmers sein kann.

Das polnische Gesetz enthält deshalb besondere Regelungen über die Arbeits- und Lebensbedingungen an Bord. Dazu gehören unter anderem Anforderungen an Unterkunft, Verpflegung und allgemeine Lebensbedingungen.

Diese Anforderungen stehen in engem Zusammenhang mit den Standards der MLC 2006, die Mindestbedingungen für Unterkunft, Ernährung und Freizeitmöglichkeiten von Seeleuten festlegt.

9. Gesundheitsschutz und medizinische Versorgung

Der Schutz der Gesundheit der Besatzung ist ein weiterer Schwerpunkt des polnischen Seearbeitsrechts.

Das Gesetz über die Arbeit auf See regelt ausdrücklich den Gesundheits- und Sozialschutz der Seeleute.

Da sich ein Seemann während einer Reise häufig weit von medizinischen Einrichtungen an Land befindet, müssen Schiffe über geeignete medizinische Ausstattung und Verfahren verfügen.

Bei Krankheit oder Verletzung können darüber hinaus Fragen der Kostenübernahme, Behandlung an Land und Rückführung des Seemanns entstehen.

10. Rückführung des Seemanns

Ein wichtiger Schutzmechanismus der MLC 2006 ist das Recht auf Repatriierung, also die Rückführung des Seemanns in bestimmten Situationen.

Dies kann insbesondere relevant werden, wenn das Arbeitsverhältnis endet, das Schiff nicht mehr weiterbetrieben werden kann oder der Seemann aus gesundheitlichen oder anderen gesetzlich anerkannten Gründen nicht an Bord bleiben kann.

Die entsprechenden Kosten und organisatorischen Pflichten können dem Reeder beziehungsweise den verantwortlichen Stellen obliegen.

11. Pflichten des Reeders

Der Reeder (Armator) trägt im polnischen Seearbeitsrecht umfangreiche Verantwortung.

Zu seinen Aufgaben können insbesondere gehören:

  • Abschluss ordnungsgemäßer Arbeitsverträge,
  • Sicherstellung geeigneter Arbeits- und Lebensbedingungen,
  • Zahlung der vereinbarten Vergütung,
  • Organisation der Rückführung,
  • Gewährleistung des Gesundheitsschutzes,
  • Bereitstellung notwendiger medizinischer Unterstützung,
  • Einhaltung der Arbeits- und Ruhezeitvorschriften,
  • Bereitstellung der erforderlichen Dokumentation.

Die besonderen Pflichten von Seemann und Reeder sind in einem eigenen Abschnitt des polnischen Gesetzes geregelt.

12. Arbeitsvermittlung für Seeleute

Das polnische Recht enthält auch Vorschriften über die Arbeitsvermittlung für Personen, die eine Beschäftigung auf Seeschiffen suchen.

Arbeitsvermittlungsagenturen müssen die einschlägigen gesetzlichen Anforderungen beachten. Für Seeleute ist es besonders wichtig, die Bedingungen des Arbeitsangebots, die Identität des Reeders und die konkreten Vertragsbedingungen vor Beginn der Beschäftigung zu prüfen.

Bei internationalen Vermittlungen können zusätzlich Vorschriften des Staates relevant werden, in dem die Agentur tätig ist.

13. Inspektionen und Flaggenstaatkontrolle

Die Einhaltung der arbeitsrechtlichen Mindeststandards wird durch Inspektionen und Kontrollen überwacht.

Das polnische Gesetz enthält einen eigenen Regelungsbereich über MLC-Dokumente sowie Inspektionen und Kontrollen auf Schiffen.

Das polnische Infrastrukturministerium veröffentlicht außerdem Informationen über die Durchführung von Flag State Control (FSC) im Zusammenhang mit der MLC 2006.

Bei Verstößen können je nach Art und Schwere des Verstoßes verwaltungsrechtliche oder andere rechtliche Konsequenzen entstehen.

14. Beschwerden von Seeleuten

Seeleute verfügen über besondere Beschwerdemechanismen, wenn sie der Auffassung sind, dass ihre Arbeits- oder Lebensbedingungen nicht den gesetzlichen Anforderungen entsprechen.

Das polnische Gesetz enthält hierfür ein eigenes Kapitel über Verfahren zur Einreichung und Bearbeitung von Beschwerden.

Das Beschwerderecht ist besonders wichtig, weil Seeleute aufgrund ihrer Tätigkeit an Bord häufig in einer besonderen Abhängigkeit vom Arbeitgeber und der Schiffsleitung stehen.

15. Arbeit auf Fischereifahrzeugen

Für Seeleute auf kommerziellen Fischereifahrzeugen gelten besondere Vorschriften.

Polen verfügt hierfür über ein separates Gesetz vom 11. September 2019 über die Arbeit auf Fischereifahrzeugen. Es regelt unter anderem Arbeits- und Lebensbedingungen, Gesundheits- und Sozialschutz, Arbeitsvermittlung, Inspektionen und Beschwerdeverfahren.

Das Gesetz setzt unter anderem europäische Regelungen zur Umsetzung internationaler Arbeitsstandards im Fischereisektor um.

Damit ist zwischen der klassischen Handelsschifffahrt und der kommerziellen Fischerei rechtlich zu unterscheiden.

16. Verhältnis zum allgemeinen Arbeitsrecht

Das maritime Arbeitsrecht ist ein Sonderarbeitsrecht. Das bedeutet jedoch nicht, dass das allgemeine polnische Arbeitsrecht vollständig ausgeschlossen ist.

Das Gesetz über die Arbeit auf See bestimmt ausdrücklich, dass in nicht speziell geregelten Bereichen die Vorschriften des polnischen Arbeitsgesetzbuchs und andere arbeitsrechtliche Vorschriften ergänzend Anwendung finden.

In der Praxis muss daher zunächst festgestellt werden, ob eine konkrete Frage durch das spezielle Seearbeitsrecht, durch die MLC 2006 oder durch das allgemeine Arbeitsrecht geregelt wird.

17. Internationale Beschäftigung und ausländische Flaggen

Viele Seeleute arbeiten auf Schiffen unter einer ausländischen Flagge. In solchen Fällen ist die rechtliche Situation besonders komplex.

Entscheidend können unter anderem sein:

  • Flaggenstaat,
  • Wohnsitz des Seemanns,
  • Staatsangehörigkeit,
  • Sitz des Reeders,
  • Arbeitsvertrag,
  • Einsatzgebiet des Schiffes,
  • anwendbares internationales Recht.

Das polnische Infrastrukturministerium unterscheidet ausdrücklich zwischen der Arbeit auf Schiffen unter polnischer und unter ausländischer Flagge.

Bei internationalen Arbeitsverhältnissen sollte deshalb nicht automatisch davon ausgegangen werden, dass ausschließlich polnisches Arbeitsrecht gilt.

18. Rechtliche Unterstützung im polnischen Seearbeitsrecht

Das maritime Arbeitsrecht verbindet Arbeitsrecht, Seerecht, internationales Recht und soziale Schutzvorschriften.

cosmos legal Cabinet juridique kann Seeleute, Reeder, Schifffahrtsunternehmen und maritime Arbeitgeber bei rechtlichen Fragen unterstützen. Dies kann beispielsweise die Prüfung von Seearbeitsverträgen, die Analyse von Vergütungs- und Arbeitszeitfragen, die Bewertung von Ansprüchen bei Krankheit oder Verletzungen sowie die rechtliche Begleitung von Beschwerden und arbeitsrechtlichen Streitigkeiten umfassen.

Bei internationalen Beschäftigungsverhältnissen ist insbesondere die Bestimmung des anwendbaren Rechts von großer Bedeutung.

19. Fazit

Das polnische maritime Arbeitsrecht bietet Seeleuten einen besonderen rechtlichen Schutz, der auf nationalen Vorschriften und internationalen Standards beruht. Das Gesetz über die Arbeit auf See regelt zentrale Fragen wie Arbeitsverträge, Arbeits- und Ruhezeiten, Lebensbedingungen an Bord, Gesundheits- und Sozialschutz, Repatriierung, Inspektionen und Beschwerdeverfahren.

Die Maritime Labour Convention 2006 bildet dabei einen wesentlichen internationalen Referenzrahmen. Polen hat außerdem 2025 die Änderungen der MLC 2006 aus dem Jahr 2022 ratifiziert, wodurch die internationale Weiterentwicklung der Schutzstandards auch für das polnische Recht von Bedeutung bleibt.

Für Reeder und maritime Arbeitgeber bedeutet dies, dass Arbeitsverträge, Besatzungsorganisation, Arbeitszeiten, Unterkunft, medizinische Versorgung und soziale Absicherung sorgfältig an die geltenden Vorschriften angepasst werden müssen. Für Seeleute ist es wiederum wichtig, ihre vertraglichen und gesetzlichen Rechte zu kennen und bei Verstößen die vorgesehenen Beschwerde- und Rechtsschutzmöglichkeiten rechtzeitig zu nutzen.

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